Wilhelm Reich wurde mit dreiundzwanzig in Freuds engsten Kreis aufgenommen. Er entwickelte die Charakteranalyse, bis heute Pflichtlektüre in der Psychotherapie. Er wollte Freud und Marx zusammenführen – und wurde von Psychoanalytikern wie Kommunisten binnen Wochen ausgestoßen. Er floh vor Hitler durch vier Länder. In Amerika brachte ihn seine Theorie der Orgonenergie vor ein Bundesgericht, das nicht den Wahrheitsgehalt seiner Behauptungen prüfte, sondern lediglich eine Verfügung durchsetzte.
Oscar Gallo stützt sich auf die 2007 in Harvard freigegebenen Nachlassdokumente und zeichnet ein Bild jenseits der beiden bekannten Legenden – weder Märtyrer noch Scharlatan. Er zeigt Reichs klinische Durchbrüche ebenso genau wie seine späten Irrwege und macht sichtbar, wie eine Demokratie mit rechtsstaatlichen Mitteln zu einer Bücherverbrennung gelangte, die sie an anderen Regimen zu Recht verurteilte.
Wer heute mit Bioenergetik, Gestalttherapie oder Traumaforschung arbeitet, benutzt Reichs Begriffe – meist ohne es zu wissen. Diese Biografie bringt seinen Namen zurück.