Die neue Kulturgeschichte der Bildung und Erziehung geht davon aus, dass Kultur nicht objektiv und eindeutig festgelegt und definiert werden kann, sondern durch die interpretierende und vermittelnde Aktivität von Individuen und sozialen Gruppen gestaltet wird, die innerhalb bestimmter historischer Kontexte agieren. Die neue Kulturgeschichte betont die Dynamik und partielle Unbestimmtheit des sozialen und kulturellen Lebens; Strukturen werden als prinzipiell veränderbare Orientierungsrahmen und Machtfelder wahrgenommen.
Die Kulturgeschichte der Erziehung und Bildung stützt sich auf neue bzw. bislang ignorierte oder vernachlässigte Quellen wie bspw. demografische Daten und Egodokumente (z. B. Familienbriefe) und literarische, propagandistische und visuelle Quellen unterschiedlichster Provenienz (z.B. fotografische Alben und Filme). Dazu gehören auch materielle Relikte wie Kleidung, religiöse Artefakte, Kinderspielzeug und -literatur, Lehrmaterialien, Schularchitektur, Möbel, Nahrungsmittel, medizinische Instrumente, Testapparaturen, Verwaltungsformulare und Alltagsgegenstände. Eine weitere Besonderheit der Kulturgeschichte der Erziehung und Bildung ist die Einbeziehung der Oral History sowie ein Fokus auf die Geschichte der Sinne, der Gefühle, der Medien- sowie der Technikgeschichte. Dies impliziert eine breitere Sicht auf Erziehung und Bildung (Beispiele sind die Geschichte von Kindheit, Jugend, Familie und Geschlecht, die Geschichte der Sexualität, die Geschichte pädagogischer Technologien, die Geschichte humanitärer Interventionen und sozialer Reformen, usw.) und eine Ausweitung traditioneller Ereignis- und Epochengliederungen, die sich wiederum oft an der politischen Geschichte orientieren. Insofern zielt die Kulturgeschichte der Erziehung und Bildung darauf ab, etablierte Metanarrative kritisch zu hinterfragen, lokale, regionale und transnationale Perspektiven auf Kultur, Gesellschaft und Bildung miteinander zu verknüpfen, neue historische Quellen zu erschließen und alle Ebenen der kulturellen Produktion, der Bildung, der Gesellschaft und des Alltagslebens zu berücksichtigen. Indem sie Bildung und Kultur zusammen denkt, liefert sie u.a. kritische Analysen der Konstruktion des Kultur-Natur-Dualismus und fragt, wie ökologische Beziehungen unser Verständnis von Bildung mitgestalten. Sie fragt, wie Wissen kulturell produziert und vermittelt wird, unter welchen gesellschaftlichen und technologischen Rahmenbedingungen dies geschieht und welche gesellschaftliche Logik und pädagogischen Grunds
Mette Buchardt, Centre for Education Policy Research, Aalborg University, Denmark