So schlägt sich neues olfaktorisches Wissen im Schnittpunkt von Botanik und Warenkunde in der Reiseliteratur von Georg Forster nieder, während Gerüche in Reisetexten von Ida Pfeiffer teils aus genderspezifischen Gründen beschwiegen werden. Olfaktorische Anzeichen sozialer Abstände gehen im rhetorischen Gegensatz von geruchsneutralem Wohlstand und stinkender Armut oft nicht auf, und der Realismus stellt urbane Gerüche nicht nur im Blick auf Industrialisierung und soziales Elend dar. In Theodor Storms Lyrik leben ältere olfaktorische Topoi weiter, und Wilhelm Raabe erneuert den figurativen Topos des Spürsinns, während Karl May mit kolportagehaften Mustern der ethischen Codierung von Gerüchen bricht.
Nicht nur diese Exempel belegen, dass das gängige Epochenbild in Bezug auf die Inszenierung von Gerüchen in der Literatur des 19. Jahrhunderts mit frischem Blick neu interpretiert werden muss.Ingo Breuer, Universität zu Köln, Deutschland; Frank Krause, Goldsmiths, University of London, United Kingdom.