Novellen Erste Sammlung

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Auszug: "Am offnen Fenster, das auf den kleinen Blumengarten hinausging, stand die blinde Tochter des Dorfküsters und erquickte sich am Winde, der über ihr heißes Gesicht flog. Die zarte halbwüchsige Gestalt zitterte, die kalten Händchen lagen in einander auf dem Fenstersims. Die Sonne war schon hinab und die Nachtblumen fingen an zu duften. Tiefer im Zimmer saß ein blinder Knabe auf einem Schemelchen an dem alten Spinett und spielte unruhige Melodieen. Er mochte fünfzehn Jahr alt sein und nur etwa um ein Jahr älter als das Mädchen. Wer ihn gehört und gesehen hätte, wie er die großen offnen Augen bald emporwandte, bald das Haupt nach dem Fenster neigte, hätte sein Gebrechen wohl nicht geahnt. So viel Sicherheit, ja Ungestüm lag in seinen Bewegungen. Plötzlich brach er ab, mitten in einem geistlichen Liede, das er nach eignem Sinne verwildert zu haben schien. »Du hast geseufzt, Marlene?« fragte er mit umgewandtem Gesicht. »Ich nicht, Clemens. Warum sollt' ich seufzen? Ich schrak nur zusammen, wie der Wind auf einmal so heftig hereinfuhr.« »Du hast doch geseufzt. Meinst du, ich hörte es nicht, wenn ich spiele? Und ich fühl' es auch bis hierher, wenn du zitterst. »Ja, es ist kalt geworden.« »Du betrügst mich nicht. Wenn dir kalt wäre, stündest du nicht am Fenster. Ich weiß aber, warum du seufzest und zitterst. Weil der Arzt morgen kommt und uns mit Nadeln in die Augen stechen will, darum fürchtest du dich. Und er hat doch gesagt, wie bald Alles geschehen sei, und daß es nur thue wie ein Mückenstich. Warst du nicht sonst tapfer und geduldig, und wenn ich als Kind schrie, so oft mir was weh that, hat dich meine Mutter mir nicht immer zum Muster aufgestellt, obwohl du nur ein Mädchen bist? Und nun weißt du dich nicht auf deinen Muth zu besinnen, und denkst gar nicht an das Glück, das wir hernach zu hoffen haben?«"
Auszug: "Am offnen Fenster, das auf den kleinen Blumengarten hinausging, stand die blinde Tochter des Dorfküsters und erquickte sich am Winde, der über ihr heißes Gesicht flog. Die zarte halbwüchsige Gestalt zitterte, die kalten Händchen lagen in einander auf dem Fenstersims. Die Sonne war schon ...

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Paul Heyse (1830-1914) war ein bedeutender deutscher Schriftsteller, der als erster deutscher Autor den Nobelpreis für Literatur erhielt. Geboren in Berlin, wuchs Heyse in einem intellektuellen Umfeld auf, das seine literarische Karriere maßgeblich beeinflusste. Er studierte Philologie und Kunstgeschichte in Berlin und Bonn und wurde bald Teil des Münchner Dichterkreises, einer Gruppe von Schriftstellern und Künstlern, die die literarische Szene des 19. Jahrhunderts prägten.Heyse war ein Meister der Novelle und trug zur Popularisierung dieser literarischen Form bei. Seine Werke zeichnen sich durch psychologische Tiefe und stilistische Eleganz aus. Besonders bemerkenswert ist seine Fähigkeit, komplexe menschliche Emotionen und soziale Konflikte darzustellen, was ihn zu einem Vorläufer der modernen Psychologie in der Literatur machte.Ein kontroverses Kapitel in Heyses Leben war seine Rolle in der "Kunstperiode" des Naturalismus. Obwohl er selbst kein Naturalist war, unterstützte er junge Autoren dieser Bewegung und trug so zur literarischen Vielfalt seiner Zeit bei. Seine liberalen Ansichten und sein Engagement für die Freiheit der Kunst machten ihn zu einer einflussreichen Figur in der deutschen Literaturgeschichte.Heyses Einfluss reicht weit über seine eigene Zeit hinaus. Er inspirierte zeitgenössische Autoren wie Theodor Fontane und Thomas Mann und bleibt ein wichtiger Bezugspunkt für die Erforschung der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts. Seine Werke, die oft die Spannungen zwischen Tradition und Moderne thematisieren, sind auch heute noch von großer Relevanz und bieten wertvolle Einblicke in die menschliche Natur und die gesellschaftlichen Veränderungen seiner Epoche.
Paul Heyse (1830-1914) war ein bedeutender deutscher Schriftsteller, der als erster deutscher Autor den Nobelpreis für Literatur erhielt. Geboren in Berlin, wuchs Heyse in einem intellektuellen Umfeld auf, das seine literarische Karriere maßgeblich beeinflusste. Er studierte Philologie und Kunstg...

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