Eine derart profilierte Literatur sieht sich mit einer scheinbar unauflösbaren Paradoxie konfrontiert: Obwohl auch nicht-kanonisierte Literatur dazu in der Lage wäre, produktive Zugänge zu 'ihrer' Welt zu legen, gerät sie immer weiter in Vergessenheit - und tut dies immer weiter, sofern 'diese' Welt auch ohne sie auszukommen scheint. Bei Ausschlüssen dieser Art handelt es sich um hochgradig komplexe Vorgänge, die auf ein dichtes Netz diskursiver, materieller und kommunikativer Praktiken angewiesen sind. Wie aktuell die Problematik und die Mechanismen der Verdrängung immer noch sind, haben unlängst Seifert ("Frauenliteratur" 2021) oder Geitner ("Sie schreibt" 2022) dargelegt. Eine Untersuchung der Werke vergessen gemachter Autor:innen mit Blick auf das Potenzial, das diese Texte für Kanonisierungsprozesse selbst bereithalten, ist bisher jedoch ausgeblieben. Diesem Desiderat begegnet der Band mit historischen und systematischen Einzelstudien zu marginalisierten Autor:innen und Kanonisierungsprozessen und ergänzt sie mit einem pragmatischen Teil zu Lehrformaten und Interviews zur Literaturvermittlung und -ausstellung.
Marius Reisener, University of Bonn; Martina Wernli, Humboldt-University, Berlin.